Aktuelle Veranstaltung
Vier Jahre „Zeitenwende“ – Deutschlands Rolle in der Europäischen Union
Dr. Siegfried Schieder, Institut für Politische Wissenschaft, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Donnerstag, den 18. Juni 2026, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim
Aus Platzgründen ist die Teilnehmerzahl leider begrenzt. Wir bitten deshalb um eine verbindliche Anmeldung per E-Mail unter gerd.zboril@heiligenberg-jugenheim.de. Der Eintritt ist nur mit unserer schriftlichen Bestätigung möglich.

Vier Jahre „Zeitenwende“ haben die deutsche Europa- und Außenpolitik in eine Schlüsselposition gerückt. Internationale Bedrohungen und die sich schnell verändernden Konfliktlagen erfordern eine schnelle entscheidungs- und handlungsfähige EU und stellen die bisherigen Verfahren und Formen der europäischen Zusammenarbeit in Frage.
Die Architektur im Kräfteverhältnis der Mitgliedsstaaten der EU befindet sich im Wandel. Bisher erfolgreiche Konstellationen und „Achsen“ der Abstimmung im Vorfeld der Entscheidungsfindung sind anfällig. Neue, auch wechselnde „Koalitionen der Willigen“ gewinnen an Bedeutung.
Die Frage nach Deutschlands Rolle in Europa zwischen dem Anspruch und den Erwartungen nach einer Führungsrolle und der gleichberechtigten Einbindung aller Mitgliedstaaten stellt sich mit neuer Dringlichkeit. Es geht um Führungsverantwortung und Selbstbegrenzung und damit um die Zukunft einer handlungsfähigen EU.
Dr. Siegfried Schieder analysiert, wie sich Deutschlands Rolle in der Europäischen Union seit der „Zeitenwende“ verändert und welche Erwartungen, Chancen und Spannungen daraus für Europa erwachsen. Er erläutert die Veränderungen der bisher erfolgreichen Verfahren und Koalitionen im Vorfeld der Einscheidungsfindung und die Verschiebungen im Kräfteverhältnis der Architektur zwischen den Mitgliedsstaaten der EU.
- Soll und kann Deutschland mehr Verantwortung übernehmen – politisch, wirtschaftlich, militärisch?
- Welche Rolle erwarten europäische Partner von Deutschland? Gibt es Aufgrund historischer Erfahrungen Vorbehalte?
- Wie ist Führung in der EU vereinbar mit dem Grundprinzip der gleichberechtigten Einbindung und Balance im Kräfteverhältnis der Mitgliedsstaaten?
- Braucht die EU angesichts äußerer Bedrohungen und innerer Spannungen mehr deutsche Führung – oder vor allem mehr und schnellere europäische Abstimmung?
- Wie wandeln sich die Konstellationen und „Achsen“ der Ab- stimmung und Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten der EU? Welche Konsequenzen haben neue, auch wechselnde „Koalitionen der Willigen“?
Veranstaltung, die bereits stattgefunden haben
Europa ohne Schutz? Großmachtpolitik und europäische Sicherheit
Dr. Sascha Hach, Peace Research Institut Frankfurt (PRIF), Leibniz-Institut, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)
Dienstag, den 10. März 2026, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

Die regelbasierte Ordnung erodiert: Multilaterale Prinzipien und Organisationen verlieren angesichts rücksichtsloser Machtpolitik an Wirkung. Die bisherige Sicherheitsarchitektur zerbricht.
Die Welt sieht sich aufgeteilt zwischen drei großen Mächten, den USA, Russland und China, die mit rücksichtsloser Großmachtpolitik, auch militärisch, ihre Territorien und Einflusssphären vergrößern. Die USA unter Trump setzen auf punktuelle Deals statt auf feste Allianzen wie die NATO. Europa spielt dabei nur noch eine nachgeordnete Rolle. Die bisherige Schutzgarantie der USA für die EU ist obsolet. Die Europäische Union wird unter Druck gesetzt, erpresst, bedroht und angegriffen. Kann die EU Ihre Sicherheit eigenständig garantieren? Welche Möglichkeiten und Grenzen hat eine Neuausrichtung der europäischen Sicherheitspolitik?
Dr. Sascha Hach analysiert die fundamental veränderte Sicherheitslage der EU im Kontext der Großmachtpolitik von USA, Russland und China sowie die Perspektiven einer strategisch autonomen europäischen Sicherheitspolitik:
- „America First 2.0“: Wie verändert die neue US-Sicherheitsstrategie die transatlantische Partnerschaft, die NATO und Europas Sicherheitsarchitektur?
- Europa zwischen unzuverlässigen USA, militärisch aggressivem Russland und expansivem China: Vor welchen sicherheitspolitischen Herausforderungen steht Europa?
- Zeitenwende und strategische Autonomie: Welchen Weg geht Europa zwischen Rüstungskontrolle, diplomatischem Interessensausgleich und Aufrüstung?
- Resilienz stärken: Kann Europa sich eigenständig gegen hybride Bedrohungen, Cyberangriffen und Angriffe auf kritische Infrastruktur verteidigen?
Europäische Sicherheitspolitik im Umbruch: Strategische Neuausrichtung und Neuaufstellung zwischen Abhängigkeit und Autonomie.

Pressetext:
Wie Europa seiner Schutzlosigkeit begegnet
Forum Heiligenberg: Tief schürfende Analyse von Großmachtpolitik und europäischer Sicherheit
Das Weltgeschehen ist täglich voll von krassen Nachrichten kriegerischer Gewalt, erratischer Ereignisse und politischem Holter-Dipolter. „Wir haben die europäische Sicherheit für eine verlässliche Größe gehalten“, eröffnete Moderatorin Anja Simon das jüngste Forum Heiligenberg zum Thema „Europa ohne Schutz?“ Heute sieht sich der Kontinent angegriffen, sogar von innen.
Zum Ordnen, Analysieren und Differenzieren der hochkomplexen Gemengelage war die Wissenschaft eingeladen: Dem ernsthaft gestimmten Forum-Publikum gab Dr. Sascha Hach vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung einen Überblick, dessen Chronologie er mit Wertungen versah. Die beiden größten Herausforderungen sind der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Rückzug der USA von uneingeschränkter Unterstützung in diesem Konflikt. China stelle derzeit keine aktuelle Bedrohung für Europa dar.
Noch sei der Westen geeint, meint Hach: Die Ukraine wird gestärkt durch Waffenlieferungen und harte Sanktionen der Europäer, die Russland durch 19 Maßnahmen-Pakete schwächen. Die massive Großmachtpolitik Russlands und der USA hat die Sicherheitslage in Europa nach dem Ende der Präsidentschaft von Joe Biden grundlegend verändert.
Mit Donald Trumps Machtübernahme im Januar 2025 kommt es zu radikalen Kurswechseln in der amerikanischen Politik. Die Parteinahme für die Ukraine endet, und die USA und Russland verhandeln über Waffenstillstand und einen perspektivischen Frieden. Mit der Nationalen Sicherheitsstrategie und Verteidigungspolitik der USA wächst die Ungewissheit hinsichtlich der amerikanischen Rückversicherung für Europa. Die Welt erlebt eine „geopolitische Machtprojektion unter Missachtung des Völkerrechts“. Die eigenen Partner und Verbündeten werden mit einer aggressiven Zollpolitik bedroht.
Wie reagieren die Europäer auf die veränderte Lage? fragt Sascha Hach. Die Mitglieder der EU versuchen die neue US-Politik durch verstärkte Unterstützung der Ukraine mit US-Waffen zu kompensieren, deren Rechnung sie zunehmend selbst begleichen. Sie treten aber kaum als starke diplomatische Akteure bei den trinationalen Verhandlungen z. B. in Abu Dhabi auf.
Bei den strategischen Aspekten in Hachs Vortrag gab es zwei Fragen, die dem Publikum besonders auf den Nägeln brannten: Gelingt es den Europäern, einen eigenen verlässlichen atomaren Schutzschild zu schaffen? Die Friedensforscher von Hachs Peace Research Institut Frankfurt (PRIF) sehen nur bedingt einen adäquaten Schutz durch Großbritannien und Frankreich. Zum einen, weil die Royal Navy ihre Waffen auf U-Booten trägt und Frankreichs Bestände nicht stark ins Gewicht fallen. Eine Atomwaffenallianz Skandinaviens mit Polen scheitere bereits an mangelnden Testgeländen. Man bleibe abhängig von den USA.
„Muss Europa erwachsen werden?“ fragte Anja Simon. In Dr. Hachs hervorragender Präsentation der Herausforderungen gewannen die Zuhörer tatsächlich den Eindruck eines sich entfaltenden Bildungsromans: Die Reifung der Union, ihre Selbstfindung und Auseinandersetzung mit ungewohnten politischen Entwicklungen sind innerhalb der Staatengemeinschaft in einem Prozess, der sich wachsend realistischer gibt.
Nüchtern fiel die Antwort des Referenten auf die Frage aus, wie es nun weitergehen kann: Finanziell und ökonomisch kann sich die EU im Ernstfall behaupten. Militärisch verfügt sie jedoch nicht über Fähigkeiten und Strukturen, um sich eigenständig verteidigen zu können.
Hinsichtlich möglicher Handlungsoptionen der EU, sehen die Friedensforscher zwei Entwicklungslinien: Die Staatengemeinschaft müsse Koalitionen mit wichtigen Staaten schmieden, um die Schwächen Europas zu kompensieren. Als Muster nannte Hach die „Koalition der Willigen“ u.a. mit Großbritannien und Kanada oder die „Grönland-Koalition“. Europa brauche aber auch einen Kurswechsel hinsichtlich Diplomatie und sicherheitspolitischer Kooperation mit dem Gegner. Das zeigten der Verhandlungsverlauf und risikoreduzierende Maßnahmen im Ukrainekrieg.
Das Forum Heiligenberg, so versicherte sein Leiter Gerd Zboril, werde sich mit der Entwicklung Europas lange und intensiv weiter beschäftigen, wofür die Zuhörer den Akteuren am Podium einen langanhaltenden Applaus zollten. W.V.
Mitschnitt der Veranstaltung:
