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Die Europäische Union im Stresstest – innere Spaltungen, äußerer Druck –
Kann die Union bestehen?
Prof. Dr. Gunter Hellmann, Professor für Politikwissenschaft, Johann Wolfgang-Goethe-
Universität, Frankfurt am Main / Europäische Außenpolitik, Europäische Integration und Internationale Sicherheit
Donnerstag, den 27. November 2025, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

Die Europäische Union befindet sich in einer nie dagewesenen Phase tiefgreifender Umbrüche: Globale Machtverschiebungen, neue Konfliktlinien auf regionaler und internationaler Ebene, zunehmender Nationalismus in einzelnen Mitgliedsstaaten sowie veränderte Kräfteverhältnisse im Europäischen Parlament stellen die etablierten Instrumente und Mechanismen europäischer Zusammenarbeit auf die Probe. Dabei rücken grundlegende Fragen in den Fokus der öffentlichen Debatte: Was bedeutet europäische Identität heute? Wie handlungs-fähig ist die EU? Welche Entwicklungswege öffnen sich – weitere Integration, zunehmende Nationalstaatlichkeit oder gar Auflösung?
Zwischen Druck von außen und Spannungen im Inneren bewegt sich die Europäische Union im Kräftefeld ökonomischer, politischer und sicherheitspolitischer Herausforderungen. Ist die Union ein Auslaufmodell am globalen „Katzentisch“ ohne verlässliche Bündnissysteme und institutionelle Stärke? Oder wächst gerade jetzt ihre Bedeutung – durch eine strategische Selbstvergewisserung sowie kraftvolle und dynamische Neuausrichtung?

Foto: Stiftung Heiligenberg Jugenheim
Prof. Dr. Gunter Hellmann
Professor für Politikwissenschaft, Johann Wolfgang-Goethe-
Universität, Frankfurt am Main / Europäische Außenpolitik,
Europäische Integration und Internationale Sicherheit
Er analysiert die aktuellen Kräfteverschiebungen innerhalb der EU, ihre Konsequenzen in Europa und die Perspektiven einer gemeinsamen Allianz angesichts wachsender globaler Unsicherheit und neuer Machtblöcke.
Er beleuchtet, welche Herausforderungen sich aus der fragmentierten Zusammenarbeit und den unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten ergeben, wie Handlungsfähigkeit und Bünd-nistreue behauptet werden können und welche Optionen in einer flexibleren „Kooperation der Willigen“ liegen.
Er erläutert die globalen Herausforderungen und fragt nach der Rolle der EU im Spannungsfeld zwischen einem aggressiv auftretenden Russland, einem mächtigen China und einer unzuverlässigen USA.
Er wirft zentrale Fragen auf: Kann die Europäische Union in Zeiten wachsendem nationalstaatlichen Denken und politischer Spaltung bestehen? Welche Alternativen zum bisherigen Integrationsmodell sind tragfähig? Ist die europäische Einheit nur noch Fassade – oder wächst gerade jetzt Europas Chance, zur Schlüsselgröße im internationalen System heranzureifen?
Zeit des Umbruchs: Erosion oder Selbstbehauptung der Gemeinschaft – welche Zukunft hat die europäische Zusammenarbeit?
Pressetext:
Die EU – eine Insel in Seenot
Im geopolitischen Stresstest: Forum Heiligenberg analysiert die Lage der Europäischen Gemeinschaft / Verstärkte Zusammenarbeit als Abwehrstrategie
Jugenheim. Als „letzte Bastion halbwegs funktionierender Demokratien“ befinde sich die Europäische Union „in der Lage einer Insel, die von einem Meer mit steigendem Meeresspiegel und einer zunehmend rauen See umgeben ist und sich in dieser Lage nicht zu helfen weiß“. Die Aufmessung des Hauses Europa, die der Politikwissenschaftler Professor Dr. Gunter Hellmann von der Goethe-Universität Frankfurt am 27. November im Forum Heiligenberg vornahm, war desillusionierend: In der „derzeit wohl schwierigsten geopolitischen Lage“ zerrt die Macht des Faktischen gewaltig an der bisherigen Stärke der EU: Die Sicherheitsordnung ist durch den russischen Angriffskrieg massiv bedroht, das europäische Wirtschaftsmodell durch staatliche und politische Eingriffe gefährdet und das Modell der liberalen Demokratie gerät durch innere und äußere Einwirkung unter Druck.
Damit nicht genug: Zugleich belastet die Gemeinschaft eine Zahl großer interner Spannungen. Sie spricht nicht immer mehr mit einer Stimme.
Diese prekäre Situation könnte durch einen mutigen Schritt politischer Integration der Mitgliedsstaaten überwunden werden. Hellmann erinnerte daran, die Europäische Union habe ihre größten Integrationssprünge „immer in ihren tiefsten Krisen“ gemacht, z.B. in der Eurokrise, der Pandemie und mit dem Sanktionsregime und der Waffenlieferung im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Hellmann sah die EU bereits zwischen 2014 und 2016 dreifach „kalt erwischt“: Durch die Krise um die Krim und Ostukraine, den Brexit und die Präsidentschaft von Donald Trump. Die bisherige Stärke steht unter massivem Druck: Das Zentrum der Weltpolitik hat sich zunehmend nach Asien verlagert, der Anspruch der EU, Vorbild für eine multilaterale Welt zu sein, verliert an Wirkung, und die geopolitische Zentrallage hat sich verlagert. Damit hat sich auch die ökonomische Situation der EU verschlechtert. Mario Draghi empfahl der EU-Kommission deshalb 2024, in einem Bericht zu ihrer Wettbewerbsfähigkeit, jährlich rund 800 Milliarden Euro in Innovation und Modernisierung zu investieren.
Die Europäische Union hat in praktisch allen weltpolitischen Dimensionen an Bedeutung verloren: Das pro Kopf gerechnete Bruttosozialprodukt, hat sich seit 1990 praktisch halbiert, ebenso die Verteidigungsausgaben, und der Bevölkerungsanteil ist mit 5,5 Prozent deutlich niedriger als 1990 (7,1 Prozent). Die Bevölkerung altert. Klare politische Fronten -Freund oder Feind in der Welt sind flexibler Koalitionsbildung gewichen. Unberechenbarkeit in den Außenbeziehungen macht sich breit.
Dazu kommen massive innergemeinschaftliche Probleme. Besonders das Einstimmigkeitsprinzip in europäischen Gremien wie Parlament und Rat führt immer häufiger zu Krisensituationen. Besondere Sorge bereiten laut Hellmann der Populismus und die politische Fragmentierung in den Mitgliedstaaten. Seit Beginn der 2000er Jahre ist der Anteil der euroskeptischen Parteien in den nationalen Parlamenten von einst 7 Prozent nach den jüngsten Wahlen auf 23 Prozent angestiegen!
Um die düsteren Aussichten bis 2035 in eine positive Perspektive umzukehren, führte Hellmann eine Reihe von notwendigen Schritten aus: Den Draghi Plan umsetzen, den Binnenmarkt vollenden, die Zusammenarbeit stärken, die Energiekosten durch den beschleunigten Ausbau von Solar- und Windenergie senken, den Welthandel forcieren, einen „europäischen Pfeiler“ in der NATO ausbauen, die Rüstungsindustrie konsolidieren, das Einstimmigkeitsprinzip aufgeben, mehr direkte Demokratie über transnationale Wahllisten wagen und andere Vorhaben mehr. Nicht nur dem Referenten und Moderator Stefan Schröder war bewusst: Die Wahrscheinlichkeit, dieses Positivszenario zu verwirklichen, ist nicht sehr hoch. Prof Gunter Hellmann erhielt gebührenden Applaus für die Nüchternheit und Ausgewogenheit seiner Analyse.
Bei aller Nachdenklichkeit schimmerte in der Diskussion mit den Gästen der Veranstaltung die Überzeugung durch: Wirtschaftsleistung und Engagement können der EU helfen, den “Polarsturm“ bedrohlicher Krisen dennoch zu meistern. Ein Teilnehmer: „Wir sind doch nicht wehrlos!“ WV
Mitschnitt der Veranstaltung:
Gestaltung globaler Strukturen aus europäischer Sicht –
Zusammenarbeit und Entwicklung in einer wenig kooperativen Welt
Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge, German Institute of Development and Sustainability,
Universität Bonn, ehemals Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
Dienstag, den 21. Oktober 2025, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

China, Russland, der sogenannte „Globale Süden“ und die BRICS-Staaten positionieren sich massiv gegen die bisherigen von „westlichen Vorstellungen“ und die Machtstellung der von den USA geprägten globalen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen und fordern eine neue multipolare Ordnung gegen die „Vorherrschaft der USA“ und die Interessen der EU.
Autokratische, diktatorische und zentralistische Staaten gewinnen zunehmend an Macht. Selbst die USA stellen mit ihren Entscheidungen die bisherige Ordnung, die bisherigen Bündnisse, Handels- und Finanzbeziehungen massiv in Frage. Die bislang verlässliche Rolle der USA als Bündnispartner und Garant einer regelbasierten internationalen Zusammenarbeit ist nicht mehr.
Gleichzeitig wirken sich Krisen und Umwelt global und national auf die Sicherheit und die Versorgung aus, beeinflussen die Lebenssituation der Menschen weltweit und erfordern dringend eine globale Zusammenarbeit und gemeinsame Gestaltung globaler Strukturen.
Angesichts dieser geopolitischen Spannungen und globalen Machtverschiebungen sowie gestörter und demolierter Handels- und Finanzbeziehungen steht Europa vor der Frage einer grundsätzlichen globalen Neuausrichtung.

Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge
German Institute of Development and Sustainability, Universität Bonn,
ehemals Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
Sie geht der Frage nach, wie können und sollen angesichts dieser multipolaren Entwicklung aus europäischer Sicht die globalen Strukturen gestaltet werden.
- Wie soll sich die EU in dieser multipolaren Welt neu ausrichten, um die globalen Strukturen aus europäischer Sicht zu gestalten?
- Welche Perspektiven und Schritte zur Erneuerung globaler Zusammenarbeit und Entwicklung gibt es aus europäischer Sicht?
- Welche Bedeutung hat die Entwicklung der Staaten und der Regionen des sogenannten „Globalen Südens“ und kleiner und mittlerer Staaten, wie positionieren sie sich und welche Rolle nehmen sie ein?
- Welche Möglichkeiten und Grenzen einer Umorientierung und Ausrichtung der EU auf Staaten und Regionen des sogenannten „Globalen Südens“, Afrikas und der arabischen Welt gibt es?
Eine PowerPoint-Präsentation von Prof. Dr. Hornidge zum Thema kann hier heruntergeladen werden.
Mitschnitt der Veranstaltung:
Die Zollpolitik der USA hält die Welt in Atem
„Zollpolitik und Welthandel – Globalisierung am Ende?“
Florian Witt, Direktor International Banking & Corporate Banking (ODDO BHF),
Vorsitzender der Bankenkommission der Internationalen
Handelskammer ICC, Präsidiumsmitglied des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft e.V.
Mittwoch, den 11. Juni 2025, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

Donald Trumps „Liberation Day“ mit der Ankündigung von horrenden Zöllen gegen alle Staaten, die seiner Meinung nach bisher auf Kosten der USA gewirtschaftet haben, stellt das bisherige Verständnis des globalisierten Wirtschaftens massiv in Frage und hat gravierende Folgen für die Welthandelsstrukturen und die bisherigen Handelspartner. Seine unklaren Ankündigungen, willkürlichen Festlegungen und Rücknahmen führen zu Unsicherheit im Handel, an den Börsen und auf den Finanzmärkten und zerstören die Reputation der USA als zuverlässiger Handelspartner. Die bislang verlässliche Rolle der USA in einer globalisierten Welt als Garant des regelbasierten internationalen Handels und Finanzsystems gibt es nicht mehr. Der internationale Handel und die Finanzmärkte sind im hohen Maße verunsichert. Dies geschieht in einer Welt, in der Staaten sich zunehmend nationalistisch ausrichten und damit drohen, ihre geopolitischen Vorstellungen rücksichtslos mit militärischer und wirtschaftlicher Macht durchzusetzen.
Florian Witt
Direktor International Banking & Corporate Banking (ODDO BHF),
Vorsitzender der Bankenkommission der Internationalen
Handelskammer ICC, Präsidiumsmitglied des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft e.V.
Er geht der Frage nach, inwieweit hinter Donald Trumps Zollpolitik ökonomische Vernunft oder eine geopolitische Strategie erkennbar ist.
Er analysiert die Auswirkungen der Zollpolitik auf den Internationalen Handel, die Weltwirtschaft, die Währungsstabilität und die Finanzmärkte.
Er skizziert die Folgen für die amerikanische Volkswirtschaft und für bisherige Handelspartner und fragt nach den Gewinnern und Verlierern dieser Politik.
Er erläutert die Konsequenzen der Trumpschen Politik für den
regelbasierten internationalen Handel für die zukünftige Rolle der USA in der Weltwirtschaft und für die weitere Entwicklung des Weltwirtschaftssystems.
Er erläutert die Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der EU und schätzt die Möglichkeiten und Grenzen von Gegenmaßnahmen sowie einer strategischen Neuausrichtung der EU in einem möglichen Handelskrieg zwischen den USA und China ein.
Zeit des Umbruchs: Globalisierung am Ende – Zeitalter des Protektionismus? Veränderungen und Perspektiven des Welthandels

Pressetext:
Trumps Zollpolitik nüchtern betrachtet
Internationaler Banker im Forum Heiligenberg rät Europäern zu angstfreier Zuversicht / Globalisierung ist keineswegs am Ende
Seeheim-Jugenheim. 11. Juni 2025. Lässt sich ohne Zorn und Eifer über die Politik Donald Trumps diskutieren? Wie so etwas geht und mit welchem Gewinn, bewiesen Florian Witt, Direktor der Bank ODDO BHF und Vorsitzender der Bankenkommission der Internationalen Handelskammer mit der Journalistin Silke Hillesheim von der ARD als Moderatorin beim zweiten Forum Heiligenberg in diesem Jahr. Die Jugenheimer Diskussionsplattform für Bürger befasst sich nach den Veranstaltungen über die bedeutenden Wahlen 2024 jetzt mit deren Konsequenzen.
„Haben Sie keine Angst. Eine Schockstarre oder Depression hilft niemanden. Europa hat Stärken, auf die wir vertrauen können. Mit der Zoll- und Make-America-Great Again Politik schädigen die USA am meisten sich selbst,“ lauteten Rat und Analyse Florian Witts vor seinem Publikum. Mit hohen Schutzzöllen zu meinen, Industrien stärken und veraltete Arbeitsplätze konservieren zu können, widerspreche allem ökonomischen Erkenntnisgewinn seit Adam Smith und David Ricardo. Mit seinem Auf und Ab von angedrohten oder verhängten Zolltarifen von gelegentlich weit über 100 Prozent hat Trump die globalen Märkte in Aufruhr versetzt mit der Konsequenz von Börsencrash, eines Vertrauensverlusts in US-Staatsanleihen und gesenkten Wachstumsprognosen der OECD. Trumps „Liberation Day“ führte letztlich für die Amerikaner zu 10 Prozent Pauschalzölle auf fast alle Importe. Schließlich stelle man in Trumps Verordnungspolitik immer wieder etwas fest, was mittlerweile mit dem Begriff TACO-Effekt bezeichnet wird: „Trump always chickens out.“ Er mache also immer wieder Rückzieher.
Florian Witt stellte den Zuhörern eine Reihe von Kernthesen zur Globalisierung vor, zu denen vor allem die gehört, dass komparative Vorteile über viele Länder hinweg eine kostengünstigere Produktion ermöglichen. Diese kommt den Verbrauchern zugute. Ein ausschließlich in den USA gefertigtes iPhone würde 3.500 Dollar kosten. Weil es aber mit Komponenten aus 43 Ländern auf sechs Kontinenten hergestellt wird, koste es beim Händler nur 1.000 Dollar. Globalisierung hat Wohlstandsgewinn gebracht.
Die Globalisierung verändert sich aber strukturell, so Witt: Der Globale Süden (China, Indien, Afrika) gewinnt an Bedeutung, wodurch sich Gewichte verschieben. „Nichts ist mehr wie vor 40 Jahren.“ Auch die Finanzmärkte und die Wirtschaftsentwicklung sind in Bewegung. Globale Märkte zeigen Fragmentierung. Europa und Indien sind von Wachstum gekennzeichnet, USA und China hingegen stagnieren. Der US-Dollar wurde gegenüber dem Euro und dem chinesischen Renminbi abgewertet; die amerikanische Staatsverschuldung ist auf 120 Prozent des BIP angewachsen – die größte Verschuldung eines Staates auf der Welt.
Seine intensive Beobachtung der weltwirtschaftlichen Entwicklung versetzte Florian Witt in die Lage, dem Publikum interessante Einschätzungen mit auf den Weg zu geben: „Die Globalisierung ist nicht am Ende. Sie wandelt sich aber.“ Die weltweite Arbeitsteilung bleibt bestehen, viele Länder des Globalen Südens steigen auf von Rohstoffquellen zu Technologieproduzenten. Deutschland müsse die Außenwirtschaft – seine Stärke – wieder neu lernen und seine Abhängigkeiten breiter streuen, wie auch geopolitische Risiken besser einschätzen. Europa muss strategisch handeln. Den Menschen riet Florian Witt zu Mut und Neugier. Auf Fragen des Publikums nach sicheren Aktienanlagen gab er natürlich keine direkten Empfehlungen und zum Schuldenabbau den immer schon gültigen soliden Rat, Schulden besser abzubauen, zum Beispiel auch durch Verzicht auf manches, was man gerne besitzen möchte. Die hoch entwickelte europäische Industrie mit ihren attraktiven Produkten biete Anlegern manche gute Chancen.
Gerd Zboril, der Vorsitzende des Forums Heiligenberg-Jugenheim registrierte mit Freude eine wieder gewachsene Zahl an jungen Teilnehmern. Demokratie, sozusagen direkt: Zumal die Veranstaltung bewies, dass Fakten und Sachlichkeit in der Diskussion eher dazu führen, Ängste vor einem Ende der Globalisierung und dem Zusammenbruch des Welthandels zu entkräften als sich nur über die Eigenheiten des amerikanischen Präsidenten zu erregen. WV
Mitschnitt der Veranstaltung:
„Dealmaker“ und Autokraten –
Herausforderungen und Perspektiven einer neuen Weltordnung?
Dr. Johanna Speyer, PRIF Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung
Donnerstag, den 27. März 2025, 19.00 Uhr
Schloss Heiligenberg – Gartensalon
Auf dem Heiligenberg 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

Am Tag seiner Inauguration als 47. Präsident der Vereinigten Staaten unterschreibt Donald Trump über 100 Dekrete, die disruptiv die bislang berechenbare Rolle der USA im Geflecht der Weltordnung ändern. Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine stellt damit auch die westliche Führungsmacht die Weltordnung in Frage. Gehört die Zukunft nun endgültig Autokraten und „Dealmakern“?
Staaten richten sich zunehmend nationalistisch aus, drohen damit, ihre geopolitischen Vorstellungen rücksichtslos mit militärischer und wirtschaftlicher Macht durchzusetzen. Internationale Institutionen, Verfahren und Verträge werden offensichtlich nicht mehr anerkannt. Sie haben ihre friedenssichernde und friedensstiftende Wirkung eingebüßt. Neue Strukturen zeichnen sich geopolitisch und ökonomisch ab, einige Akteure bilden neue Bündnisse und verschieben die Kraftverhältnisse.
Unser Diskussionsthema lautet: Herausforderungen und Perspektiven der Weltordnung im geopolitischen Zeitalter.
Dr. Johanna Speyer, PRIF Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung
Sie erläutert die Weltordnung als Ausdruck globaler Machtverhältnisse und internationaler Regeln und gibt Einblick in die in der Zeit des Umbruchs gegebenen Herausforderungen.
Sie schätzt die geopolitischen Auseinandersetzungen, die machtpolitischen Kräfteverhältnisse und die Perspektiven der Entwicklung der Weltordnung im 21. Jahrhundert ein.
Sie beleuchtet die Grenzen der bisherigen Prinzipien internationaler Zusammenarbeit, der internationalen Institutionen und Verfahren zur Friedensstiftung und -sicherung angesichts der geo- und machtpolitischen Auseinandersetzungen.
Sie analysiert die geopolitischen Auswirkungen des weltpolitischen Führungsanspruchs Chinas, der Positionierung und des Zusammengehens der BRICS-Staaten, der machtpolitischen Ambitionen Russlands und der Neuausrichtung der USA unter Trump und deren wirtschaftliche, politische und militärische Kraft ein.
Angesichts der zu erwartenden problematischen transatlantischen Zusammenarbeit mit den USA Trumps, der Zuspitzung der Auseinandersetzungen zwischen China und den USA und den Machtambitionen Russlands analysiert sie die zukünftige Rolle der EU im internationalen Spannungsfeld zwischen den USA, China und Russland.

Pressetext
Schafft Pragmatismus die Welt neu zu ordnen?
Forum Heiligenberg: Konfliktforscherin sieht in fixierten Normen Ansätze zum Abkühlen gegenwärtiger Kriege und Konflikte
Seeheim-Jugenheim. 27. März 2025. Der Zustand der Welt ist desolat. Wohl niemand, der nicht nach Orientierung ruft in diesen bewegten Zeiten. Mit dem Thema „Dealmaker und Autokraten – Herausforderungen und Perspektiven einer neuen Weltordnung?“ hat das Forum Heiligenberg fast visionär die Lage auf den Punkt gebracht, erklärten Referentin Dr. Johanna Speyer vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung und Moderatorin Anja Simon. Kein Wunder, dass bereits bei Bekanntwerden des Themas die Veranstaltung am 27. März im Jugenheimer Schloss sofort überbucht war: Es war der Tag, an dem Donald Trump heftige Importzölle für Autos verhängte und damit dem freien Welthandel einen weiteren Schlag versetzte.
Man habe es mit einer geopolitischen Gemengelage zu tun, die Lösungen ungemein erschwere, meinte Johanna Speyer: Da sind Autokratien mit eigenen Normen, Verflechtungen und Abhängigkeiten und andererseits Demokratien. Letztere führen angeblich keine Kriege gegeneinander, nehmen aber durchaus unterschiedliche Positionen gegenüber den Autokraten ein. Letztlich müssen Demokratien in irgendeiner Form mit autoritären Regimen zusammenarbeiten, wenn Stabilität herbeigeführt werden soll.
Neben externen Bedrohungen hätten es manche Staaten und Allianzen noch mit internen Konflikten zu tun, die ein geschlossenes Auftreten erschwerten. Etwa die EU, die an ihrer inneren Geschlossenheit und an nach außen gerichteter Stärke intensiv arbeitet. Hier zeige sich, wie problematisch die eher politisch motivierte Aufnahme bestimmter Staaten in die EU für deren innere Einheit jetzt sei. Oder die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), deren Geschlossenheit oft überschätzt wird, weil ihre Interessen zu unterschiedlich gelagert sind. Die Weltordnung wie wir sie bisher kannten ist jedenfalls Vergangenheit.
Die Forum-Teilnehmer stellten nachdenkliche Fragen, manche mit hypothetischem Charakter. Interessant eine angesprochene These der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Anne Applebaum: ob es nicht neue Allianzen geben muss, die bei der Lösungssuche Barrieren wie politische Ideologien, Religionen, Ethnien und Kulturen hinter sich lassen. Konkret: Vereinigten nicht große Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International oder Greenpeace Menschen in aller Welt, die jenseits von Polarisierungen durch herkömmliche Organisationen zusammenarbeiten? Diesen Ansatz bejahte Johanna Speyer. Es komme darauf an, dass solche supranationale NGOs „eine hohe Folgebereitschaft durch viele Menschen herstellen.“
Der Vortrag und die Diskussion kulminierten in der Frage: Was könnte die Macht sein, die zu Lösungen der Konflikte und Kriege führt? Johanna Speyer: „Ist es Geld? Ist es militärische Macht?“ Die Teilnehmer reagierten schulterzuckend. Speyer sah hingegen zwei weitere gewichtige Faktoren, die Einfluss ausüben werden: Pragmatismus und Normen. Pragmatismus ist – kurzgefasst – ein praktisches Handeln, das über die theoretische Vernunft gestellt wird. Etwa wenn Staaten auf territoriale Gebiete verzichten, um Tod und Zerstörung durch einen Aggressor zu beenden. Aber mit welcher Garantie? Eine Menge Grauzonen tun sich auf, so Speyer.
Normen können Macht binden, führte sie weiter aus und nannte als ein Beispiel das Folterverbot. Es gelte. Wer foltert, wird geächtet. Teils aber ignoriert ein Teil der Weltöffentlichkeit diese Verstöße. Dennoch beziehen Konfliktforscher das Aushandeln von Normen in Überlegungen ein, wie Öl auf die Wogen der gefährlichen Konflikte in der Welt gegossen werden kann. Es dürfte wohl einiger Koalitionen von Willigen bedürfen.
Wie ein Ventil wirkte da der Ausruf eines Diskutanten: „Alles gut und schön. Aber wie gehen wir mit Mächtigen um, die auf alle Normen pfeifen. Und wie schaffen wir es, die EU schnell zu reformieren?“
Der Schlussapplaus hatte auch den Charakter von Nachdenklichkeit. Anja Simon: „Das Thema wird uns privat weiterbeschäftigen.“ W.V.
Mitschnitt der Veranstaltung:
